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Diese Episode erschien am 26.10.2019 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Es gibt nicht den einen Feminismus, sondern viele widersprüchliche Strömungen.
  • Unbezahlte Sorgearbeit lastet überwiegend auf Frauen und führt zu Altersarmut.
  • Pflege als Frauenberuf ist erst ein Phänomen des 19. Jahrhunderts.
  • Das Erbe von Unterordnung und Aufopferung prägt die Pflege bis heute.
  • Pflege braucht vielfältige Rollenvorbilder – männlich, weiblich, divers.

Feminismus und Pflege – auf den ersten Blick zwei große Themen, die wenig miteinander zu tun haben. Auf den zweiten Blick hängen sie enger zusammen, als du vielleicht denkst. In dieser Übergabe-Folge wagen Franziska und Christian einen Exkurs und holen sich zwei Expertinnen ans Mikrofon: Barbara Streidl vom Lila Podcast und die Pflegehistorikerin Dr. Anja Peters. Heraus kommt ein Gespräch darüber, warum es den einen Feminismus gar nicht gibt, weshalb unbezahlte Sorgearbeit überwiegend an Frauen hängenbleibt – und warum die Pflege als „Frauenberuf" historisch betrachtet ziemlich wackelig ist.

Es gibt nicht den einen Feminismus – sondern viele

Wer glaubt, Feminismus ließe sich in einem Satz definieren, liegt laut Barbara Streidl daneben. Die Münchner Autorin und Podcasterin macht gleich zu Beginn klar: So wie es nicht den einen Humanismus oder Antirassismus gibt, gibt es auch nicht den einen Feminismus. Stattdessen existieren viele verschiedene Strömungen nebeneinander – die sich sogar widersprechen können. Ein schwarzer Feminismus setzt andere Schwerpunkte als der einer Alice Schwarzer, und in der berühmten Kopftuchdebatte stehen sich Feministinnen mitunter unversöhnlich gegenüber.

„Den Feminismus gibt es nicht, sondern es gibt ganz viele verschiedene Feminismen, die sich auch widersprechen können." — Barbara Streidl

Diese Vielstimmigkeit hat historische und kulturelle Wurzeln. Der Kampf ums Frauenwahlrecht verlief in Deutschland anders als in der Schweiz oder im Iran – politische Systeme, religiöse Regime und gesellschaftliche Ausgangslagen prägten jeweils eigene Bewegungen. Und selbst innerhalb einer Bewegung war man sich selten einig: Was im Rückblick wie eine homogene Masse wirkt, war in Wahrheit ein Geflecht aus Lagerkämpfen und unterschiedlichen Agenden.

Zwei Begriffe, die im Gespräch immer wieder auftauchen, lohnen eine kurze Einordnung. Critical Whiteness meint die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen, oft unsichtbaren Privileg – etwa dem Zugang zu Bildung, sauberem Wasser oder einer Toilette, den viele als selbstverständlich erachten. Intersektionalität wiederum beschreibt die Überschneidung mehrerer Diskriminierungsformen: Eine Person kann gleichzeitig aufgrund von Geschlecht, Sexualität und Herkunft benachteiligt werden – eine mehrdimensionale Erfahrung, die im sogenannten weißen Feminismus oft übersehen wird.

Warum es nicht reicht, einfach „Humanismus" zu sagen

Christian bringt einen Einwand ins Spiel, den viele kennen: Brauchen wir das Wort Feminismus überhaupt noch – wäre Humanismus nicht das schönere, umfassendere Etikett? Barbara hat damit kein grundsätzliches Problem, hält aber dagegen: Der Begriff Feminismus trägt eine historische Komponente in sich. Er erinnert daran, dass vieles, was heute selbstverständlich scheint, lange nicht selbstverständlich war. Vergewaltigung in der Ehe ist in Deutschland noch gar nicht so lange eine Straftat, ein eigenes Konto für Ehefrauen ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit, wie man meint.

Dass diese Errungenschaften nicht in Stein gemeißelt sind, ist für Barbara das stärkste Argument. Rechtspopulistische Bewegungen stellen Dinge wieder infrage, die man längst für gesichert hielt – die Debatte um den Schwangerschaftsabbruch und die Paragrafen 218 und 219a klebe seit Jahrhunderten an der Hacke und sei bis heute nicht sauber gelöst. Genau deshalb brauche es Feminismus: damit niemand die Hände in den Schoß legt und glaubt, mit einer Bundeskanzlerin sei schon alles erreicht. Errungenschaften können auch wieder verschwinden.

Sorgearbeit: die unsichtbare Last

Ein zentrales Scharnier zwischen Feminismus und Pflege ist die Care- oder Sorgearbeit. Gemeint ist hier nicht der bezahlte Beruf, sondern die unbezahlte Tätigkeit, die die Gesellschaft noch immer ganz selbstverständlich von Frauen erwartet: Kinder versorgen, den Haushalt führen, Angehörige pflegen. Barbaras Bruder, evangelischer Pfarrer, beobachtet selbst im aufgeklärten München: Wird jemand pflegebedürftig, ist es fast immer eine Frau, die sich kümmert – ob Schwiegertochter oder Cousine dritten Grades.

Die Zahlen untermauern das eindrücklich. Laut UN Women leisten Frauen rund 75 Prozent der unbezahlten Care-Arbeit weltweit und investieren täglich etwa 52 Prozent mehr Zeit als Männer – knapp 90 zusätzliche Minuten pro Tag. Das Problem dabei: Diese Arbeit ist lange unsichtbar geblieben. Erst mit dem Elterngeld bekam sie überhaupt einen ökonomischen Wert zugewiesen. Wer mehr über die Hintergründe wissen will, findet etwa in der Auseinandersetzung mit der Care-Ökonomie und geschlechtergerechtem Wirtschaften reichlich Stoff.

Interessant ist, wie die Runde die Parallelen zur professionellen Pflege herausarbeitet: Care-Arbeit gilt als intrinsisch motiviert, als „other-centered work", die sich an den Bedürfnissen anderer orientiert – und gerade deshalb nicht recht als Arbeit zählt. Die historische Wurzel liegt in der bürgerlichen Frauenrolle des 16. und 17. Jahrhunderts und verfestigte sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als Frauen ihre Erwerbstätigkeit räumen mussten, um den heimkehrenden Männern Platz zu machen. Verkauft wurde ihnen das mit dem Mythos, sie könnten das Sorgen ohnehin „von Natur aus" besser. Wer tiefer einsteigen mag, findet bei den Theoretikerinnen der Care-Arbeit wie auch in der Debatte rund ums Kümmern spannende Anknüpfungspunkte.

Kapitalistische Stolpersteine und das weibliche Gesicht der Altersarmut

Sorgearbeit hat handfeste Folgen. Barbara beschreibt, wie viele Paare ihr Leben zunächst völlig gleichberechtigt planen – bis das erste Kind kommt und die Aufteilung über den Haufen geworfen wird. Das Elterngeld, das Ehegattensplitting, die Steuerlogik: All das macht es ökonomisch oft „vernünftig", dass derjenige mit dem geringeren Einkommen zurücksteckt. Statistisch ist das fast immer die Frau. Wer weniger erwerbstätig ist, weil Haushalt, Kinder und pflegebedürftige Angehörige Zeit fressen, zahlt am Ende mit weniger Rente. Die traurige Wahrheit dahinter: Altersarmut ist weiblich.

Barbaras Appell ist dabei kein Plädoyer fürs sofortige bedingungslose Grundeinkommen, sondern fürs Mitdiskutieren. Genau deshalb will sie mit ihrem Aktivismus in der Mitte der Gesellschaft stehen und nicht in einer Nische. Über den Wert von Care-Arbeit müsse man sich verständigen, auch ohne sie zwingend zu entlohnen – und vor allem müsse man Rollenbilder reflektieren, statt sie blind weiterzureichen. Wie zäh diese sitzen, gibt sie selbstironisch zu: Auch sie als bekennende Feministin räumt vor Besuch auf und fragt sich, was die Gäste wohl denken. Worüber Barbara hinaus noch schreibt und spricht, lässt sich übrigens auf ihrer Webseite stöbern.

War die Pflege je ein Frauenberuf?

Den zweiten Teil bestreitet Dr. Anja Peters – Kinderkrankenschwester, Pflegewissenschaftlerin und Pflegehistorikerin. Und sie dreht die Eingangsfrage gleich um: Ist die Pflege überhaupt ein Frauenberuf? Historisch lässt sich das kaum halten. Wer die europäische Pflegetradition begründete, waren Männerorden – die Johanniter, Antoniter, Kamillianer. Ritter in voller Rüstung auf dem Pferd, die zugleich in der Krankenpflege tätig waren. Mit dem Narrativ von Pflege als Inbegriff von Weichheit, Mütterlichkeit und Softness hat das wenig zu tun.

„Die Pflege als Frauenberuf ist eigentlich ein Phänomen des 19. Jahrhunderts – und damit eine relativ neue Entwicklung." — Dr. Anja Peters

Zur weiblich geprägten Profession wurde Pflege erst, als sich im 19. Jahrhundert die Trennung von Männer- und Frauensphäre verfestigte. Theodor Fliedner orientierte sich mit seinen Diakonissen an den katholischen Vinzentinerinnen, die Krankenpflege rutschte – als Teil von Haushalt und Familie – in weibliche Hand. Geprägt wurde sie von zwei Frauenidealen: dem Madonnen-Mutter-Bild der katholischen Orden und dem der protestantischen Diakonissen. Beide standen für töchterlichen Gehorsam, Aufopferung und Nächstenliebe – für Berufung statt Beruf. Wer die Mechanismen dahinter verstehen will, findet in Anjas Arbeit und auf ihrer Webpräsenz ebenso Material wie im Positionspapier der Sektion Historische Pflegeforschung zur Pflegegeschichte im Curriculum.

„Ich dien" – das Erbe, das wir nicht loswerden

Das Motto „Ich dien" steht symbolisch für ein Problem, das die deutsche Pflege bis heute prägt. Pflege wurde als Akt christlicher Nächstenliebe verstanden – und musste deshalb kaum vergütet werden. Katholische Ordensschwestern erhielten oft gar keinen Lohn, dafür Kost, Logis und soziale Absicherung. Was im Kontext des 19. Jahrhunderts durchaus eine Sicherheit für unverheiratete Frauen bedeutete, zementierte zugleich die Unterordnung: unter das Mutterhaus, unter die Vaterfigur des Pastors, später unter den Arzt. Die Pflege blieb der Medizin nach- und untergeordnet – strukturell bis heute spürbar, wenn Pflegedirektion und ärztliche Direktion nicht denselben Stellenwert haben.

Hinzu kommt ein hausgemachtes Solidaritätsproblem. Die unzählige Schwesternschaften in Deutschland – Diakonissen, Rotkreuz-Schwestern, freie Schwestern – verhinderten einen schlagkräftigen Zusammenschluss. Wo die einen streiken konnten, durften die anderen es nicht; so ließen sich Beschäftigte mühelos gegeneinander ausspielen. Franziska zitiert dazu Claudia Bischoff, deren Analyse zur Situation von Frauen in der Krankenpflege auf den Punkt bringt, warum sich Pflegende oft schwer damit tun, sich zu solidarisieren und durchzusetzen – Fähigkeiten, die ihnen gesellschaftlich nie in ausreichendem Maße zugestanden wurden.

Florence Nightingale war keine Lichtgestalt mit Lämpchen

Besonders eindrücklich wird es, als Anja über Vorbilder spricht. Florence Nightingale werde gern als hingebungsvoller Engel dargestellt, der mit der Lampe in der Hand über die Station schwebt. Tatsächlich war sie eine hochbegabte Statistikerin, durchsetzungsfähig und willensstark – eine knallharte Managerin. Ihr Satz „I never gave or took an excuse" zeigt, wie wenig dieses Bild mit Weichheit zu tun hat. Anjas Plädoyer: Pflege braucht diverse Rollenvorbilder – männliche und weibliche, christliche, jüdische und muslimische, etwa Rufaida al-Aslamia oder Mary Seacole.

Christian wirft ein, dass das Geschlecht einer Leitfigur doch eigentlich egal sein müsse – es gehe ums Ideal. Anja hält dagegen: Man könne die Bedeutung von Gender nicht negieren, denn faktisch sei Pflege seit rund 200 Jahren ein primär weiblich geprägter Beruf. Historische Pflegeforschung wolle nichts konservieren, sondern den Beruf wissensbasiert weiterentwickeln. Dazu gehört, durchsetzungsstarke Pflegefachfrauen als etwas Wünschenswertes zu begreifen – und Männern zuzugestehen, dass auch sie zugewandt pflegen können. Von dieser Balance, da sind sich alle einig, ist die Pflege noch ein Stück entfernt. Es bleibt viel zu tun.

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Feminismus