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Diese Episode erschien am 30.09.2023 — einzelne Zahlen oder Regelungen können sich seither geändert haben.
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Das Wichtigste in Kürze
  • Internationale Anwerbung von Pflegefachpersonen wirft ethische Fragen für Herkunftsländer auf.
  • Pflegekammern in NRW, RLP und BaWü treiben Selbstverwaltung, Weiterbildungsordnung und Beiträge voran.
  • Kammern positionieren sich differenziert zur Leiharbeit in der Pflege.
  • Community Health Nursing und Heilkundeübertragung waren zentrale politische Themen.
  • Der Deutsche Pflegepreis 2023 würdigte Verdienste um die Endoskopiepflege.

Diese Folge des PflegeUpdate ist live vom zweiten Kongresstag des Deutschen Pflegetags in Berlin entstanden. Statt einer klassischen Nachrichtenlage haben die Hosts am Stand zahlreiche Stimmen eingefangen – von der internationalen Berufspolitik über die Pflegekammern bis zum Deutschen Pflegepreis. Wir bündeln die wichtigsten Themen für dich. Alle Aussagen geben den Stand von Ende September 2023 wieder.

Internationale Anwerbung: Warum Migration in der Pflege ein ethisches Dilemma ist

Franz Wagner, langjähriges Gesicht der deutschen Berufspolitik, ist nach seiner aktiven Laufbahn international unterwegs. Er engagiert sich im Vorstand des European Forum of National Nursing and Midwifery Associations (EFNNMA), das eng mit der WHO-Region Europa zusammenarbeitet. Diese Region reicht weit über die EU hinaus – von Island bis Zentralasien – und vertritt sowohl Pflegende als auch Hebammen.

Ein Schwerpunkt der Folge war die Anwerbung von Pflegefachpersonen aus dem Ausland, die bei der Eröffnung als Frage „ethischer Verantwortung" aufkam. Wagner ordnete das differenziert ein: Migration sei einerseits ein Menschenrecht, andererseits gebe es eine reale Wanderungsbewegung aus wirtschaftlich schwächeren in reichere Länder. Wenn gut qualifizierte Fachpersonen abwandern, fehlten sie in den Herkunftsländern – ein Effekt, den er als eine Form von Neokolonialismus bezeichnete.

Auch der WHO-Ethikkodex zur Anwerbung greift aus seiner Sicht nur an der Oberfläche, weil die jeweilige Landesregierung selbst erklären muss, ob ein Mangel besteht – und viele Regierungen ein wirtschaftliches Interesse an Auswanderung und den damit verbundenen Rücküberweisungen haben. Sein Fazit: Deutschland sei im weltweiten Wettbewerb um Fachpersonal wegen Sprache, Arbeitsbedingungen und Vergütung nicht gut aufgestellt – die Lösung des Mangels allein durch Anwerbung sieht er deshalb skeptisch.

Pflegekammern im Aufbau: NRW, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg

Nordrhein-Westfalen: Register, Weiterbildungsordnung und Beitragsfrage

Sandra Postel, seit rund einem halben Jahr Präsidentin der Pflegekammer NRW, beschrieb die Arbeit der nach eigener Aussage größten Pflegekammer Deutschlands entlang dreier Säulen: eigene Zahlen und ein Register aufbauen, eigene Strukturen schaffen und daraus politische Positionen ableiten. Zum Zeitpunkt der Folge waren rund 224.000 Kolleg:innen im geprüften Register erfasst.

Die Weiterbildungsordnung befand sich damals in der zweiten Lesung und sollte nach intensivem Diskurs mit dem Berufsstand binnen weniger Wochen verabschiedet werden. Beim Geld setzte Postel auf Zeit: Die Anschubfinanzierung des Landes von sechs Millionen Euro jährlich war bis 2027 zugesagt. Diese decke etwa die Hälfte des benötigten Volumens; rechnerisch komme man mit dem 2022 empfohlenen Basisbeitrag von fünf Euro im Monat hin. Über Höhe und Zeitpunkt eines verpflichtenden Beitrags wollte die Kammer ab dem Folgejahr transparent diskutieren. Für Pflegefachpersonen ist das relevant, weil genau diese Beitragsfrage in anderen Bundesländern – etwa Niedersachsen – zum Scheitern von Kammern beigetragen hat.

Politisch verwies Postel auf die Umsetzung des Rothgang-Gutachtens zur Personalbemessung, den Pflegevorbehalt und die Übertragung heilkundlicher Aufgaben. Beim Thema Streiten innerhalb des Berufsstands betonte sie, dass das ein Lernprozess sei – erst intern klären, dann geschlossen nach außen treten.

Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW) äußerte sich klar zur Kammer als bester Organisationsform: Über Pflege werde zu oft entschieden, ohne dass Pflege am Tisch sitze. Den Fachkräftemangel sieht er als bleibend, verwies aber zugleich auf jährlich 15.000 bis 17.000 Ausbildungsanfänger:innen und 12.000 bis 13.000 Staatsexamina in NRW.

Rheinland-Pfalz: Erfahrungswerte aus sieben Jahren Kammerarbeit

Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, und Vizepräsidentin Andrea Bergstresser berichteten aus der seit 2016 bestehenden Kammer. Ihr Fazit: ein Erfolgskonzept. Kontakte zur Politik hätten sich seit dem Start vervielfacht; in Rheinland-Pfalz werde keine Entscheidung zur Pflege mehr ohne die Kammer getroffen. Als Beispiele für die Wirksamkeit nannten sie die Beratung von Krisen- und Katastrophenstäben während Pandemie und Flutkatastrophe. Anderen, neu startenden Kammern – etwa in Berlin – rieten sie, schnell in die Fach- und Sacharbeit zu gehen, Positionen zu beziehen und die Mitglieder mitzunehmen.

Baden-Württemberg: Errichtungsausschuss gestartet

In Baden-Württemberg hatte der Errichtungsausschuss der Pflegekammer seine Arbeit aufgenommen. Gesundheitsminister Manfred Lucha (Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration) selbst aus der Pflege kommend, machte sich für eine Pflege auf Augenhöhe mit den anderen Gesundheitsberufen stark. Das Land stelle erhebliche Mittel zur Gründung bereit. Eine darüber hinausgehende Anschubfinanzierung der ersten Legislatur war zum Zeitpunkt der Folge ausdrücklich nicht geplant – mit Verweis auf einen erwarteten Krisenhaushalt.

Leiharbeit in der Pflege: zwei Kammern, zwei Perspektiven

Sowohl NRW als auch Rheinland-Pfalz hatten Positionspapiere zur Leiharbeit verabschiedet, der Deutsche Pflegerat ein weiteres. In den Grundlinien sind sich die Kammern einig: bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personalentwicklung, klare Qualitätskriterien und der Hinweis, dass nicht die einzelnen Kolleg:innen im Fokus stehen, sondern das System.

Die Nuancen unterscheiden sich allerdings. Rheinland-Pfalz argumentiert eher systemisch: Würden die Mittel, die in Leiharbeit fließen, in bessere Arbeitsbedingungen gesteckt, ließe sich das Problem teils vermeiden. NRW schaut stärker auf die konkrete Versorgungssituation und differenziert nach Setting – etwa zwischen Intensivstation und Pflegeheim, wo häufig wechselnde Bezugspersonen Verwirrtheit bei betagten Menschen verstärken können. Einig waren sich beide darin, dass ein Verbot rechtlich nicht möglich ist – das hatte auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags festgestellt – und auch nicht gefordert wurde.

Community Health Nursing und Heilkundeübertragung

In einer Podiumsdiskussion ging es um die Community Health Nurse im Jahr 2035. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, zeigte sich grundsätzlich offen: Bei chronisch Erkrankten zu Hause, bei Koordination, beim Erkennen von Pflege- und Hilfsmittelbedarf sowie bei der Begleitung von Krankenhauseinweisungen und Entlassungen sieht er sinnvolle Aufgaben. Zugleich betonte er, Community Health Nursing dürfe die hausärztliche Versorgung nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Die Bundestagsabgeordnete Cordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen) ging weiter: Mit Blick auf die demografische Entwicklung müssten Gesundheitsberufe enger zusammenarbeiten und Heilkunde tatsächlich übertragen werden – eigenständig und entsprechend der Qualifikation. Sie sah die Heilkundeübertragung damals „auf dem Weg", erste Eckpunkte aus dem Ministerium lägen vor, ein Referentenentwurf sei eventuell noch 2023 möglich. Als Voraussetzung dafür nannte sie das damals in erster Lesung befindliche Pflegestudiumstärkungsgesetz, das eine Ausbildungsvergütung im Pflegestudium ermöglichen sollte. Wichtig seien außerdem eine pflegegerechte Digitalisierung und neue Versorgungsstrukturen wie Primärversorgungszentren. Auch die Stärkung des Deutschen Pflegerats über den Bundeshaushalt rechnete sie zu den Erfolgen.

Deutscher Pflegepreis 2023 für die Endoskopiepflege

Geehrt wurde Elisabeth Kern-Wächter mit dem Deutschen Pflegepreis 2023 des Deutschen Pflegerats. Sie hat den damals jungen diagnostischen Bereich der Endoskopiepflege über Jahrzehnte mitgeprägt – unter anderem, indem sie in einer bundesweiten Arbeitsgruppe gemeinsam mit dem DBfK eine eigene Weiterbildung für die Endoskopiepflege entwickelte, als es dafür noch keine Strukturen gab. Ihr Appell an die Kolleg:innen: konkret formulieren, was im eigenen Arbeitsbereich gebraucht wird – und es dann einfach umsetzen.

Schulgesundheitsfachkräfte gewinnen an Bedeutung

Ein weiteres Thema war die Arbeit von Schulgesundheitsfachkräften, über die Denise Vey von der Technischen Hochschule Mittelhessen berichtete. Immer mehr Bundesländer greifen das Konzept auf, um die Gesundheitskompetenz von Kindern zu stärken, kleinere und größere Notfälle an Schulen zu versorgen und Lehrkräfte sowie Eltern zu entlasten. Voraussetzung ist das pflegerische Examen plus eine modulare Weiterbildung; ein flächendeckender Einsatz wäre aus Sicht von Vey wünschenswert.

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Quellen