- Claudia Moll will das Entlastungsbudget zusammenführen und stellt eine Kammer-Befragung zur Diskussion.
- Das Projekt GAP coacht Einrichtungen zu familienfreundlichen Arbeitsbedingungen.
- Ein dip-Projekt erforscht, wie Sprache Berufsstolz und Wertschätzung in der Pflege stärkt.
- Christine Vogler fordert pflegefachliche Kompetenzerweiterung statt Übernahme ärztlicher Tätigkeiten.
- Die Pflegekammer NRW geht in die Wahl und konstituiert sich im Dezember 2022.
Diese Folge des PflegeUpdate entstand live auf dem Deutschen Pflegetag 2022 in Berlin – aufgezeichnet am zweiten Veranstaltungstag. Die Hosts haben am Messestand mehrere Gespräche geführt: mit der Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, einem Projektteam zu Arbeitsbedingungen, einem Pflegeforscher, der Präsidentin des Deutschen Pflegerats und einem Mitglied des Errichtungsausschusses der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen. Wir fassen die wichtigsten Punkte zusammen – Stand Oktober 2022.
Claudia Moll über ihre Rolle, das Entlastungsbudget und eine mögliche Kammer-Befragung
Claudia Moll, gelernte Altenpflegerin und Fachkauffrau für Gerontopsychiatrie, ist Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung und zugleich Bundestagsabgeordnete. Ihre Aufgabe versteht sie als Schnittstelle zwischen Politik auf der einen und Pflegebedürftigen, Angehörigen sowie Pflegefachpersonen auf der anderen Seite. Wichtig ist ihr, dass diese drei Gruppen zusammen gedacht werden – und dass auch Menschen in der Eingliederungshilfe sowie jüngere Pflegebedürftige nicht aus dem Blick geraten, weil Pflege gesellschaftlich noch zu oft allein mit dem Alter verbunden wird.
Als konkretes Vorhaben, an dem sie beteiligt war, nannte sie die im Koalitionsvertrag verankerte Zusammenführung des Entlastungsbudgets für pflegende Angehörige. Aus eigener Erfahrung mit pflegebedürftigen Eltern schilderte sie, wie unübersichtlich die einzelnen Leistungstöpfe – Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege – seien. Viele Angehörige stellten aus Überforderung gar keinen Antrag. Ziel sei es, diese Leistungen (mit Ausnahme der Tagespflege) zu bündeln und die Inanspruchnahme zu vereinfachen. Für Pflegefachpersonen in der Beratung und in der ambulanten Versorgung ist das relevant, weil ein vereinfachtes Budget den Beratungsaufwand verändern und Angehörige spürbar entlasten könnte.
Kontrovers wurde das Gespräch beim Thema Pflegekammer. Moll hatte eine bundesweite Befragung des Berufsstands ins Spiel gebracht, ob dieser eine eigene Vertretung wünscht. Die Hosts hielten dagegen: Ohne Erfahrung mit Selbstverwaltung könne eine Ablehnung dazu führen, dass weiterhin andere über die Pflege entscheiden – also genau das Gegenteil des Ziels einer starken Lobby. Moll betonte, sie sei nicht gegen Kammern, halte es aber für angemessen, die Betroffenen einzubeziehen, und verwies auf die aus ihrer Sicht gut funktionierende Kammer in Rheinland-Pfalz. Einig war man sich im Grundsätzlichen: Die Pflege braucht handlungsfähige Strukturen.
Beim Blick in ihr Thesenpapier „Gute Pflege. Machen!" aus dem Jahr 2020 sprachen die Hosts an, dass darin die Akademisierung nicht vorkommt. Moll erklärte, sie sei keine Gegnerin der Akademisierung, sehe aber zunächst andere drängende Probleme – etwa den Mangel an Pflegepädagog:innen und zu wenige passende Studiengänge. Pflege funktioniere nur, wenn alle Qualifikationsebenen zusammenwirkten; die verschiedenen Gruppen dürften keinesfalls gegeneinander ausgespielt werden.
Projekt GAP: Coaching für familienfreundliche Arbeitsbedingungen in Einrichtungen
Im Auftrag der Pflegebevollmächtigten läuft das Projekt „Gute Arbeitsbedingungen in der Pflege" (GAP), das die Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf in den Mittelpunkt stellt. Das Vorgehen: Ein Coach kommt in die Einrichtung und führt zunächst eine Bestandsaufnahme durch – über eine Mitarbeitendenbefragung, Gespräche mit Führungskräften, eine Vor-Ort-Begehung und strukturelle Auskünfte. Auf dieser Basis werden passende Maßnahmen ausgewählt, über einen Zeitraum umgesetzt und am Ende mit einer zweiten Befragung evaluiert.
Als wiederkehrende Schwerpunkte nannte das Team die Arbeitszeit- und Dienstplangestaltung sowie – besonders häufig – die interne Kommunikation. Ein geschildertes Beispiel betraf die Übergabe: In einer Einrichtung fand sie nur von Fachkraft zu Fachkraft statt, während Pflegehilfs- und Betreuungskräfte ausgeschlossen blieben und Informationen verloren gingen. Gemeinsam wurde eine strukturierte Übergabe entwickelt, an der möglichst alle teilnehmen. Für Pflegefachpersonen ist der Ansatz interessant, weil er auf konkrete, in der Praxis spürbare Entlastung zielt – etwa verbindliche Dienstpläne und weniger gedankliche „Arbeit, die man mit nach Hause nimmt". Zum Zeitpunkt der Folge lief das Projekt noch bis Ende 2023, eine Anmeldung interessierter ambulanter und stationärer Einrichtungen war bis Frühjahr 2023 möglich.
Sprache als Schlüssel: Wie ein dip-Projekt Berufsstolz und Wertschätzung stärken will
Prof. Dr. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung stellte das Projekt zu Kompetenzkommunikation und Wertschätzung in der Pflege vor. Untersucht wird der Zusammenhang zwischen der Art, wie über Pflege gesprochen wird, dem Berufsstolz und der erlebten Wertschätzung. Eine Annahme – Pflegende beschrieben ihren Beruf vor allem über einzelne Tätigkeiten – bestätigte sich nicht: In Befragungen erzählten sie eher Fallgeschichten und Episoden. Genau daran lasse sich anknüpfen.
Der Kern der Botschaft: Wer Außenstehenden den Beruf erklären will, sollte über gelingende Situationen und Pflegeergebnisse erzählen, statt einzelne Handgriffe aneinanderzureihen. Dabei helfe es, sich bewusst zu machen, mit wem man gerade spricht – mit einer Patientin, im Team oder etwa in einem Podcast – und das passende „Sprachregister" zu wählen. Aufschlussreich sind auch die Ergebnisse zu Stereotypen: Formulierungen, die Pflege rein altruistisch zeichnen, sowie der „Heldenmythos" der Corona-Zeit werden überwiegend als Abwertung empfunden, weil sie Selbstaufgabe nahelegen. Als aufwertend wurden hingegen Zuschreibungen wie „systemrelevant" oder „Kopf, Herz und Hand" wahrgenommen. Aus den Befunden entstehen Schulungsmodule, die – zusammen mit Vorarbeiten unter anderem von Angelika Zegelin (Uni Witten/Herdecke) – in die Pflegeschulen getragen werden sollen. Über 4.000 Pflegende und Lehrende beteiligten sich bereits.
Christine Vogler: pflegefachliche Kompetenzen, Lauterbach und die Pflegekammer
Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, ordnete im Gespräch ihre berufspolitische Rede ein. Auf die Aussage von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, er stehe mit ihr in engem Kontakt, reagierte sie zurückhaltend: Es gehe nicht um persönlichen Kontakt, sondern um strukturierte Mitarbeit. Die Profession sei zum damaligen Zeitpunkt in den maßgeblichen Arbeitsgruppen und Expertengremien nicht verankert. Mit Mitteln des Bundesgesundheitsministeriums sollten ab 2023 Referent:innenstellen besetzt werden, um in diesen Gremien inhaltlich – und nicht als „Feigenblatt" – mitzuwirken.
Beim Thema Kompetenzen stellte Vogler klar, dass es ihr nicht um die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten gehe, sondern darum, pflegerische Prozesse eigenständig durchführen zu können – etwa bei Lagerung, Hilfsmittelversorgung, Wundversorgung oder der Begleitung chronisch erkrankter Menschen, inklusive der Befugnis, Entsprechendes zu verordnen und die Verantwortung dafür zu tragen. Wer Verantwortung trage, müsse sie auch übernehmen dürfen. Eine reelle Chance sah sie im geplanten allgemeinen Pflegeberufegesetz, das im Koalitionsvertrag angelegt ist.
Auch zur Pflegekammer positionierte sie sich deutlich: Es gehe nicht primär darum, ob die Pflege eine Kammer wolle, sondern um die künftige Versorgungsqualität, für die sich der Berufsstand organisieren müsse. Vorstellbar sei ein Modell, bei dem künftige Ausbildungsjahrgänge automatisch Mitglied werden, während es für die übrigen freiwillig bleibe. Die Errichtung der Kammern in den Ländern sah sie als staatliche Aufgabe.
Pflegekammer NRW: Vor der Wahl und der Konstituierung
Zum Abschluss ging es um den aktuellen Stand in Nordrhein-Westfalen. Ein Mitglied des Errichtungsausschusses der Pflegekammer NRW beschrieb die geleistete Aufbauarbeit: eine Geschäftsstelle mit über 20 Mitarbeitenden, der Aufbau von Kommunikationsstrukturen sowie die Registrierung der Mitglieder. Knapp 100.000 wahlberechtigte Pflegefachpersonen seien erfasst – damit wäre es zum Zeitpunkt der Folge die größte Heilberufekammer Deutschlands.
Der Fahrplan damals: Veröffentlichung der Wahlvorschläge ab dem 12. Oktober 2022, anschließend Wahlkampf, Wahltag der Kammerversammlung am 31. Oktober 2022 und Konstituierung am 16. Dezember 2022 – mit der sich der Errichtungsausschuss gesetzlich auflöst. Als Wirkung einer Kammer wurde die Organisation nach innen (Identifikation mit dem eigenen Beruf, Vernetzung, berufspolitische Bildung) und die Vertretung nach außen (gemeinsam mit Gewerkschaften, Berufsverbänden und weiteren Akteuren) beschrieben. Begleitend dazu erscheint der Podcast „Pflegestärke" des Errichtungsausschusses.
Zum Weiterhören
- PU034 – Live vom Deutschen Pflegetag 2022 (Erster Tag)
- ÜG079 – Pflegekammer NRW (Sandra Postel)
- ÜG071 – Berufsstolz in der Pflege (German Quernheim)
