Auswirkungen von Intensivtagebüchern bei posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstzuständen und Depressionen

#7| 29.06.2023

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Angstzustände und/oder Depressionen können die psychischen Folgen eines Intensivaufenthaltes sein. Diese Problematik betrifft Akteure des Gesundheitswesens in der akuten Versorgung auf der Intensivstation nicht, da diese Diagnosen erst lange nach dem Intensivaufenthalt gestellt werden. Dennoch liegt der Ursprung, wenn meist auch unvermeidlich, auf der Intensivstation. Das bewusste Auseinandersetzen mit dieser Thematik durch z.B. ein Intensivtagebuch kann als präventive Maßnahme für psychische Folgen sowohl bei Patienten:innen als auch Angehörigen dienen.

___STEADY_PAYWALL___

Zusammengefasst von

Studien-Charakteristika

  • Autor:innen: Sun, X., Huang, D., Zeng, F., Ye, Q., Xiao, H., Lv, D., Zhao, P., & Cui, X.
  • Jahr: Juli 2021
  • Land: verschiedene
  • Design: Metaanalyse von prospektiven randomisierten kontrollierten Studien und kontrollierten klinischen Studien
  • DOI: https://doi.org/10.1111/jan.14706

Wichtige Begriffe erklärt:

  • Inzidenz: relative Häufigkeit von Ereignissen – insbesondere von neu auftretenden Krankheitsfällen – in einer Personengruppe innerhalb einer bestimmten Zeit
  • Metaanalyse: statistisches Verfahren, das Ergebnisse mehrerer Studien zur selben Fragestellung zusammenfasst und daraus ein aussagekräftigeres Ergebnis errechnet
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • Traumaexposition: nochmaliges Auseinandersetzen mit dem Trauma, um das Erlebte zu verarbeiten

Was war das Ziel der Studie?

Ein Aufenthalt auf der Intensivstation kann eine traumatische Erfahrung sein, die langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Überlebenden haben kann. Ziel der Metaanalyse ist die systematische Evaluierung des Einflusses von Intensivstationstagebüchern auf die Inzidenz von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), Angst und Depression bei erwachsenen Überlebenden von Intensivstationen zu untersuchen.

Warum ist das wichtig?

Überlebende von Intensivstationen sind nach einem Intensivaufenthalt häufig mit psychischen Gesundheitsproblemen wie posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), Angst und Depression konfrontiert. Diese Probleme können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und die Genesung erschweren. Die Nutzung von Tagebüchern, in denen Informationen über den Krankenhausaufenthalt festgehalten werden, könnte potenziell dazu beitragen, dass die Betroffenen ihre Erfahrungen besser verarbeiten und ihre psychische Gesundheit verbessern können.

Warum hast du diese Studie gewählt?

Seit Oktober 2022 besteht eine neue S2e-Leitlinie der AWMF zum Thema Multimodale Neurorehabilitationskonzepte für das „Post-Intensive-Care- Syndrom“ (PICS) in welcher verschiedene Maßnahmen zur Behandlung und Prävention des PICS beschrieben werden. Die ausgewählte Metaanalyse dient (zusammen mit einer zweiten RCT) als wissenschaftliche Grundlage für die Verwendung von Intensivtagebüchern. Auf Basis der Ergebnisse dieser Metaanalyse wurde die Empfehlung „Intensivtagebücher sollen angelegt werden, um im Verlauf die Symptome von Posttraumatischen Belastungsstörungen, von Angst und Depression reduzieren zu helfen.“ mit dem Empfehlungsgrad A verfasst.

Erläuterung des Kernthemas

Das Kernthema der Metaanalyse ist die Untersuchung der Auswirkungen von Intensivstationstagebüchern auf die psychische Gesundheit von Erwachsenen Überlebenden von Intensivstationen. Es geht um die Frage, ob die Verwendung von Tagebüchern, die während des Intensivstation-Aufenthalts geführt wurden, positive Effekte auf die Inzidenz von posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD), Angst und Depression hat und ob sie als wirksame Intervention zur Unterstützung der psychischen Gesundheit dienen können. Die Idee dahinter ist, dass das Lesen dieser Tagebücher den Überlebenden helfen kann, das Geschehene besser zu verarbeiten, ihre Erinnerungen zu rekonstruieren und ihre psychische Gesundheit zu verbessern.

Was wurde untersucht?

In der Metaanalyse wurden die Daten von insgesamt 1210 Patient:innen aus insgesamt zehn Studien eingeschlossen, davon acht RCT und zwei kontrollierten klinischen Studien. Es wurde untersucht, ob die Verwendung von Intensivtagebüchern Auswirkungen auf die Inzidenz von posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD), Angst und Depression bei erwachsenen Überlebenden von Intensivstationen hat.

Was wurde herausgefunden?

  • Die Anwendung von Intensivtagebüchern kann das Auftreten von PTBS bei kritisch kranken Überlebenden nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wirksam reduzieren.
  • Gedächtnisverlust oder wahnhaften Erinnerungen kann durch das Lesen eines Intensivtagebuchs ausgeglichen bzw. vervollständigt werden.
  • Patient;innen können durch das Lesen des Intensivtagebuchs ein besseres Verständnis für ihre Krankheit, Pflege und ihre Erfahrungen auf der Intensivstation entwickeln, was dazu beitragen kann, psychologische Traumata zu überwinden und Vertrauen zu Pflegefachkräften und Familienangehörigen zu stärken.
  • Für einige Patient:innen kann das Lesen von Intensivtagebüchern ihre Fähigkeit verbessern, traumatische Ereignisse durch Traumaexposition zu bewältigen, für andere kann das Lesen von Intensivtagebüchern jedoch negative emotionale Erfahrungen hervorrufen, die die Symptome einer PTBS verschlimmern können. Daher ist darauf zu achten den Interventionszeitpunkt abzustimmen und einen geeigneten Implementierungsplan für die klinische Anwendung zu erstellen.
  • Die Anwendung von Intensivtagebüchern zeigt teilsignifikante Effekte auf die Verringerung von Angst und Depressionen von Überlebenden Patient:innen auf der Intensivstation.

Wie verlässlich sind die Ergebnisse?

Alle in der Metaanalyse vorgestellten Ergebnisse entspringen aus RCTs oder kontrollierten Studien. Das Evidenzlevel kann daher als sehr hoch eingestuft werden. Limitationen sehen die Autor:innen in der geringen Anzahl an eingeschlossenen Studien (10) und im kurzen Nachbeobachtungszeitraum der meisten Studien von drei Monaten. Zusätzlich ist zu erwähnen, dass es kein homogenes Vorgehen in der Anwendung und Layout der Intensivtagebücher gibt, wodurch die Ergebnisse der einzelnen Studien nicht Verzerrungsfrei miteinander zu vergleichen sind.

Wie lassen sich diese Ergebnisse für die Praxis nutzen?

  • Die Tagebücher können verwendet werden, um den Verlauf des Krankenhausaufenthalts der Patient:innen festzuhalten.
  • Angehörige oder medizinisches Personal können wichtige Ereignisse, medizinische Maßnahmen, Behandlungen und Fortschritte dokumentieren. Dadurch entsteht ein detailliertes Bild des Aufenthalts, das für Patient:innen in Zukunft hilfreich sein kann sich zu erinnern und Gedächtnislücken zu vervollständigen.
  • Nach der Entlassung der Intensivstation können die Tagebücher eine wertvolle Ressource für die Rehabilitation und die Nachsorge von Patient:innen sein. Sie können als Referenz für die behandelnden Ärzt:innen, Therapeut:innen und Psycholog:innen dienen, um den Behandlungsverlauf nachzuvollziehen und individuell anzupassen.
  • Es ist wichtig, dass die Verwendung von Tagebüchern in enger Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal erfolgt, um sicherzustellen, dass sie den Bedürfnissen der Patient:innen und ihren Familien entsprechen und ihnen bestmöglich helfen.
  • Beispiele für Vorlagen von Intensivtagebüchern und Hilfen zur Implementierung sind z.B. auf Intensivtagebuch.de oder Websites von einzelnen Kliniken zu finden.