Implementation von nicht-pharmakologischen Maßnahmen zur Vermeidung einer Fixierung auf der Intensivstation

#20 | 11.01.2024

Im ersten Briefing im Jahr 2024 zeigt Florian die Auswirkungen einer physischen Fixierung bei Menschen auf der Intensivstation auf. Die betrachtete Studie gibt zudem Hinweise zu Maßnahmen, um eine Fixierung zu verhindern, und kann durch die Berücksichtigung unterstützender Faktoren eine Hilfestellung zur Implementierung bieten.
Viel Spaß mit dem neuen Briefing!

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Zusammengefasst von

Studien-Charakteristika

  • Autor:innen: Alostaz et al.
  • Jahr: Juli 2021
  • Land: Kanada
  • Design: Scoping Review
  • DOI: DOI 10.1016/j.iccn.2021.103153

Was war das Ziel der Studie?

Die vorliegende Studie soll Elemente identifizieren, die den Einsatz von nicht-pharmakologischen Maßnahmen zur Reduzierung physischer Fixierung bei erwachsenen Patient:innen auf der Intensivstation beeinflussen. Im Rahmen des i-PARIHS-Frameworks sollen zudem Maßnahmen zur Vermeidung physischer Fixierung identifiziert werden. Der Implementierungskontext soll beleuchtet werden, Key-Stakeholder sollen identifiziert werden, und die Rolle der individuellen Personen, die an der Fixierung teilnehmen, soll beschrieben werden.

Warum ist das wichtig?

International gibt es verschiedene Standards und Bemühungen, den Einsatz physischer Fixierung zu reduzieren. Jedoch wird physische Fixierung auf den meisten Intensivstationen noch häufig angewendet. Der Einsatz von physischen Fixierungen soll Patient:innen unter anderem davor schützen, Zu- und Ableitungen zu entfernen. Sie kann jedoch zu kurz- und langfristigen emotionalen sowie psychologischen Konsequenzen bei den Betroffenen führen. Beispielsweise kann der Einsatz von physischer Fixierung Agitationszustände verschlimmern und posttraumatische Belastungsstörungen auslösen

Warum hast du diese Studie gewählt?

Die Fixierung ist ein omnipräsentes Thema auf den Intensivstationen. Oft wird sie unbedacht eingesetzt und verharmlost. Sie hat jedoch einen starken Einfluss auf die Psyche der Patient:innen und teilweise auch auf die Psyche der Personen, die sie anwenden. Mit dieser Studie sollen Maßnahmen aufgezeigt werden, um eine Fixierung zu verhindern. Zudem soll die Studie eine Hilfestellung geben, diese Maßnahmen zu implementieren.

Erläuterung des Kernthemas

Das Kernthema der Studie ist es, nicht-pharmakologische Maßnahmen zur Vermeidung von physischer Fixierung auf der Intensivstation zu identifizieren. Die Intensivstation ist ein Setting, in dem es durch verschiedene Faktoren schwierig ist, neue Maßnahmen zu implementieren. Aus diesem Grund sollen durch die vorliegende Studie Elemente beleuchtet werden, die eine erfolgreiche Implementierung beeinflussen. Dies soll über das i-PARIHS Framework geschehen. Das Framework soll dabei helfen, mögliche unterstützende Faktoren zu identifizieren.

Was wurde untersucht?

Die Studie verwendet ein Scoping Review. Eingeschlossen werden Studien, die sich mit der Reduktion von physischer Fixierung auf der Intensivstation befassen. Dabei werden sowohl quantitative als auch qualitative Studien berücksichtigt. Es wurden zudem nur Studien einbezogen, die sich mit der Fixierung von Menschen ab 18 Jahren befassen. Die Suche erfolgte in verschiedenen Datenbanken. Insgesamt wurden 5441 Studien identifiziert, von denen nach einem Screening-Verfahren insgesamt 7 in die vorliegende Studie eingeflossen sind.

Was wurde herausgefunden?

Maßnahmen zur Vermeidung:

Alle betrachteten Studien identifizierten die Schulung des betreuenden Personals als zentrales Element zur Vermeidung von Fixierung auf der Intensivstation. Vier der Studien verwendeten Entscheidungshilfen (Decision Aid Tools), um Pflegekräften bei der Anwendung von Fixierungsmaßnahmen an Patient:innen zu unterstützen. Alternativen zur Fixierung, die weniger restriktive Maßnahmen umfassten, wurden ebenfalls von 4 Studien aufgeführt. Eine der einbezogenen Studien empfahl tägliche Pflegevisiten, um die Entscheidungsfindung für die Anwendung von Fixierungsmaßnahmen zu unterstützen. Eine weitere Studie empfahl die regelmäßige Überprüfung der Maßnahmen hinsichtlich der Selbstextubationsrate.

Unterstützung bei der Implementierung:

Sechs der Studien betrachteten interne und externe Faktoren. Die häufigsten internen unterstützenden Faktoren waren dabei meist die Pflegekräfte und die interprofessionellen Teams. Als weitere interne Faktoren wurden regelmäßige Audits und Pflegevisiten genannt, sowie das Design und die Verfügbarkeit von Schulungsprogrammen. Als externe unterstützende Faktoren wurden Team Building, evidenzbasierte Maßnahmen und die Überwachung und der Vergleich von Daten zu Einschränkungen auf der Managementebene genannt.

Outcome:

Alle betrachteten Studien beschrieben einen anfänglichen Rückgang der physischen Fixierung, wobei die langfristige Wirkung nicht berücksichtigt wurde. Sechs der einbezogenen Studien beschrieben zudem das Verhältnis von Fixierungsmaßnahmen zu inzidentellen Entfernungen von Zu- und Ableitungen. In vier der Studien wurde keine Zunahme beobachtet, während in den zwei anderen eine leichte, jedoch nicht signifikante Zunahme beschrieben wurde.

Wie verlässlich sind die Ergebnisse?

Das Review-Verfahren weist eine hohe wissenschaftliche Qualität auf. Zudem ist das Vorgehen sehr gut beschrieben und die Auswahlkriterien sind nachvollziehbar. Es erfolgt jedoch keine Bewertung der einbezogenen Studien, was die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse beeinflusst. Die Orientierung am i-PARIHS Framework ist eine gute Methode zur Beantwortung der Forschungsfragen. Die Limitation, dass nur englischsprachige Studien berücksichtigt werden, kann jedoch dazu führen, dass relevante Studien nicht einbezogen werden.

Wie lassen sich diese Ergebnisse für die Praxis nutzen?

  • Mit Blick auf den Einfluss von physischer Fixierung auf die Patient:innen sollten Einrichtungen Maßnahmen ergreifen, um diese zu verhindern. Bei der Implementierung sollten dabei die in der Studie aufgeführten Faktoren berücksichtigt werden.
  • Die Einrichtungen sollten in regelmäßigen Abständen die Raten unbeabsichtigter Extubationen mit den Raten fixierter Patient:innen vergleichen, um den Erfolg ihrer Maßnahmen zu evaluieren.
  • Regelmäßige Pflegevisiten können bei der Entscheidungsfindung zur Anwendung von physischer Fixierung helfen.
  • Die Einrichtungen sollten evidenzbasierte Edukationsprogramme zum Thema „Fixierung“ entwickeln und bereitstellen.