Advanced Nursing Practice in der psychiatrischen Pflege in Deutschland

#21 | 25.01.2024

Im neusten Briefing stellt euch Florian eine Studie vor, welche die klinische Ausgestaltung von Rollen von psychiatrischen APNs in Deutschland betrachtet. Es wird dabei untersucht, welche Aufgaben eine APN einnimmt und welche Dimensionen in der Durchführung der Rolle von Bedeutung sind. Die Studie bietet damit eine Basis zu Implementierung und bedient zeitgleich eine in Deutschland bestehende Forschungslücke. 
Viel Spaß mit dem neuen Briefing!

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Zusammengefasst von

Studien-Charakteristika

  • Autor:innen: Weidling, Herwig und Ayerle
  • Jahr: Juni 2023
  • Land: Deutschland
  • Design: Qualitativ phänomenologisch
  • DOI: DOI 10.1024/1012-5302/a000921

Was war das Ziel der Studie?

Die gesichtete Studie soll beleuchten, wie sich Advanced Nursing Practice (kurz ANP) in der klinisch psychiatrischen Pflege in Deutschland ausgestaltet.  Dabei soll das Konzept ANP als Phänomen im Kontext der psychiatrischen Pflege hinsichtlich seiner klinischen Relevanz und praktischen Umsetzung durch die durchführenden Advanced Practice Nurses (APNs) beleuchtet werden.

Warum ist das wichtig?

Die psychische Gesundheit hat einen großen Einfluss auf die Betroffenen und auf das gesamte Gesundheitssystem. Eine psychische Erkrankung kann negativen Einfluss auf die Lebensqualität nehmen und die Lebenserwartung der Betroffenen verkürzen. Zudem entstehen pro Jahr Kosten in dreistelligen Millionen Bereich. Diese ergeben sich nicht nur aus der Behandlung, sondern unter anderem auch aufgrund von Arbeitsunfähigkeit. Die Integration von Advanced Practice Nurses  kann dabei der komplexer werdenden Versorgung von psychisch erkrankten Menschen als eine Ressource begegnen, die den wachsenden strukturellen und inhaltlichen Herausforderungen entspricht. Ein fehlendes Rollenkonzept kann dabei jedoch ein Hindernis darstellen.

Warum hast du diese Studie gewählt?

Das Konzept der APN bietet viel Potenzial, um die Versorgung in Deutschland zu verbessern. Leider fehlen noch viele evidenzbasierte Erkenntnisse, um einen Erfolg des Konzeptes zu belegen und auf deren Basis sich Kliniken trauen können, Rollenprofile zu entwickeln und APNs zu implementieren. Diese Studie bietet ist eine gute Möglichkeit zu zeigen, wie man Rollenprofile und den Hintergrund dazu belegen kann.

Erläuterung des Kernthemas

Die gewählte Studie strebt danach, einen substanziellen Beitrag zur Schließung der Forschungslücke im Bereich der klinischen Ausgestaltung der Advanced Nursing Practice (ANP)-Rolle im psychiatrischen Versorgungsbereich zu leisten. Der Fokus liegt dabei auf einer vertieften Exploration und Analyse der praktischen Umsetzung der ANP-Rolle durch Fachpersonen im Kontext psychiatrischer Pflege. Durch die Erweiterung des Verständnisses dieser hochs pezialisierten Pflegepraxis soll nicht nur dazu beigetragen werden, vorhandene Wissensdefizite zu beheben, sondern auch eine solide Grundlage für die Weiterentwicklung und Optimierung der psychiatrischen Versorgungsqualität geschaffen werden.

Was wurde untersucht?

Es wurde die angewandte Phänomenologie als Methode verwendet, um das Phänomen der APNs erfassen zu können. Es soll so die vorurteilsfreie Beschreibung des Wesens eines Gegenstandes ermöglicht werden. Als Interviewe wurden Personen ausgewählt, die einen pflegerischen Masterabschluss hatten sowie eine Stelle als APN in der psychiatrischen Versorgung. Es ergab sich eine Stichprobe aus drei Teilnehmenden. Die Datenerhebung wurde als problemzentriertes Interview durchgeführt. Das Interview wurde dabei zweigeteilt durchgeführt. Der erste Teil wurde dabei als Narrativ durchgeführt, während der zweite Teil einem Leitfaden folgte. Die Interviews wurden nach der Transkription mehrfach unabhängig von den Forschenden gehört und codiert. Die Codierungen wurden verglichen und diskutiert um einen Konsens zu finden. Es wurde über den gesamten Forschungszeitraum ein Forschungstagebuch geschrieben.

Was wurde herausgefunden?

Es wurden vier Dimensionen als „Wesenskern“ von APN aus dem gesichteten Materialien abgeleitet.

Dimension 1: Interagierende Voraussetzungen. Diese Dimension umfasst Pflegemanagement, Soft Skills und Hard Skills. Das Pflegemanagement ist dabei die Grundlage für die Implementation sowie die Wirksamkeit von APN. Es bedarf dabei an Wissen um die Relevanz einer evidenzbasierten Pflege sowie um eine gute Zusammenarbeit mit den APNs. Die Soft Skills der APNs wurden als zentrale und einheitliche Struktur genannt. Als essenzieller Punkt für die Ausübung der Rolle der APN wurden von den Befragten die Erfahrung, Fort- und Weiterbildungen sowie die Berufsausbildungen als Hard Skills aufgeführt.

Dimension 2: Kontinuum des Gestaltungsspielraums. Hierbei gestaltete sich heraus, dass die Tätigkeit der APNs zwischen zwei Ebenen stattfindet. Der Ebene der Pflege in der direkten Versorgung und der Ebene des Pflegemanagements. Auf jeder der Ebene bewegen sich die APNs in einem gewissen Spielraum zwischen zwei Polen. In der Ebene der Pflege in der direkten Versorgung agieren die APNs zwischen einer niedrigschwelligen und nicht-direktiven Herangehensweise und einer direktiven Herangehensweise. Auf der Ebene des Pflegemanagements arbeiten sie zwischen einem Gestaltungsspielraum einerseits und Arbeitsaufträgen des Managements, andererseits.

Dimension 3: Clinical Leadership. In dieser Dimension nehmen die Befragten eine Rolle als Vorbild ein, beziehen Position zu bestimmten Themen und zeigen ein hohes Maß an Verantwortungsbereitschaft. Der Aspekt Clinical Leadership wird als Kernelement der ANP Rolle von den Befragten wahrgenommen.

Dimension 4: Besonderheiten von ANP im psychiatrischen Kontext. Die Aufgaben und Rollen einer psychiatrischen APN unterscheiden sich laut den Befragten nicht stark von den anderer APNs. Lediglich die Soft Skills spielen eine entscheidendere Rolle.

Wie verlässlich sind die Ergebnisse?

Die Studie ist sehr gut strukturiert und der Aufbau ist gut beschrieben. Die Forschenden haben zudem Forschungstagebuch geführt, was den Vorgang sehr nachvollziehbar macht. Das Design als phänomenologische Studie ist für den Untersuchungsgegenstand gut gewählt. Lediglich die kleine Stichprobe beeinträchtigt etwas das Ergebnis. Dies ist jedoch auch auf die kleine Gruppe (APNs in der psychiatrischen Versorgung in Deutschland) zurückzuführen.

Wie lassen sich diese Ergebnisse für die Praxis nutzen?

  • Die 4 Dimensionen der Ergebnisse bilden gut ab, welche Aspekte in der Rolle der APN zu beachten sind. Diese sollten bei der Ausgestaltung einer Rolle kritische berücksichtigt werden. 
  • Auf Basis der 4 Dimensionen in Verbindung mit den vorhandenen Modellen von APN kann der Berufsbegriff der  APN geschützt werden, um Voraussetzungen für eine bessere Rollenidentifikation und Anerkennung in der Praxis zu schaffen.
  • Die 4 Dimensionen können als Grundlage für die Entwicklung eines fachspezifischen Curriculums für die ANP Ausbildung genutzt werden.
  •  Die Grundlage der Studie kann von anderen Forschenden dazu genutzt werden, um ANP auch in anderen Bereichen wie der Somatik oder der Langzeitpflege genauer zu betrachten.